Hätte Aristoteles gekocht, hätte er mehr geschrieben.
(Juana Ines de la Cruz)

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Bruichladdich - den ganzen Tag an Schnaps denken



Nennen wir ihn doch einfach Tim. Tim heisst tatsächlich Tim, und auch sein Nachname ist uns bekannt - in Grossbritanien so bekannt, dass er hier nicht genannt werden soll. Tim also hat ein bisschen Geld; so viel Geld, dass er nicht mehr zu arbeiten braucht. Er lässt radikale Rennwagen bauen, fährt diese auch und das ziemlich gut, und er investiert ein bisschen hier und ein bisschen da. Etwa in ein bekanntes Modeunternehmen. Oder in Bruichladdich (ausgesprochen bru--ich-laddie, für Freunde einfach nur laddy), einen lange nur in Fachkreisen und unter Liebhabern bekannten, schottischen Produzenten von Single Malt Whisky.

Warum Single Malts, warum gerade Bruichladdich? Tim: «Weil sie hier spinnen. These boys are crazy, completely over the edge. Sie lieben ihren Whisky über alles, sie pflegen ihre Destillerie besser als ihre Kinder, sie denken den ganzen Tag nur an Schnaps. Deshalb ist jedes Pfund hier gut investiert.» Meet the Boys: Mark Reynier, CEO, unglaublich blaue Augen, einst ein erfolgreicher Weinhändler. Simon Coughlin, Operations Director, schon seit dem Kindergarten die rechte Hand von Mark. Jim McEwan, Production Director, eine legendäre Figur im Whiskygeschäft. Duncan McGillivray, Distillery Manager, mit einem fiesen schottischen Akzent, für den man einen Übersetzer braucht. Jim und Duncan sind wahre Schotten, kauzige, knorrige Kerle, die zwar keinen Kilt tragen, aber trotzdem ungeschminkt in «Braveheart» mitspielen könnten. Mark hat eine schottische Mutter, nur Simon kommt aus dem Ausland, sprich: London.



Ort des Treffens: Bruichladdich, ein kleines Dorf auf der schottischen Insel Islay, die zu den Hebriden-Gruppe gehört. Islay hat 3500 Einwohner, neun Destillerien (neben Bruichladdich sind das Bowmore, Laphroig, Lagavulin, Ardbeg, Caol Ila, Bunnahabhainn, Kilchoman und seit kurzem wieder Port Charlotte), etwa eine Million Schafe, Bruichladdich, das sind 20 Häuser, eine Mole, eine 1881 gegründete, 1994 geschlossene und am 19. Dezember 2000 wieder eröffnete Destillerie. Auf Islay regnet es an etwa 300 Tagen im Jahr. Wobei das auch nur ein Gerücht sein könnte, um die Ausländer vom Festland abzuschrecken.

Der vorerst letzte Teil der Geschichte von Bruichladdich beginnt eines schönen Tages im Jahr 1985, als Mark Reynier auf einer Weinmesse eine Flasche Whisky gewinnt. Die Flasche hat einen Wert von 1000 Pfund (das war damals noch viel Geld), und der Mann, der sie ausgelost hat, bietet Reynier an, sie sofort zurückzukaufen. Die beiden Herren kommen ins Gespräch, und Reynier wird zu einer Degustation eingeladen. Er versteht etwas von Alkoholika, ist Weinhändler in der dritten Generation, kann die einzelnen Lagen im Burgund und in Bordeaux unterscheiden, hat das Zeug zum «Master of Wine». Und Reynier ist beeindruckt, vor allem von den Produkten von Bruichladdich - es ist Liebe auf den ersten Schluck.



Reynier bestellt sein jährliches Quantum direkt bei der Destillerie, kommt mit den Leuten ins Gespräch, hört, dass das Geschäft nicht gut läuft. Er deponiert bei den damaligen Besitzern, the Harvey Brothers, dass er interessiert wäre, Bruichladdich zu kaufen. Das macht er in Zukunft immer am 1. Januar eines neuen Jahres, doch er bekommt nie eine Antwort. Zwischen 1992 und 1994 wechselt die Destillerie viermal den Besitzer (Invergordon, Whyte & MacKay, Jim Bean und schliesslich Fortune Brands), bis die Amerikaner beschliessen, das Haus zu schliessen.

Nun wird Mark Reynier so richtig sauer. Mark Reynier kommt schnell in Rage, und wenn sich sein zur Hälfte schottisches Gemüt erhitzt, dann beginnt er zu stottern. Stotternd erzählt er, wie er die Amerikaner mit Briefen und Anrufen bearbeitet, ihm Bruichladdich zu verkaufen. Aber erst sechs Jahre später, im Sommer 2000, sind sie bereit, die Destillerie herzugeben. Die Bedingung ist einfach: Am 19. Dezember müssen 7 Mio. Pfund auf ein Bankkonto überwiesen sein. Die hat Reynier gerade nicht flüssig, deshalb macht er sich auf die Suche nach Investoren. Und findet sie auch, etwa den schon erwähnten Tim, oder Sir John MacTaggart, einen Grossgrundbesitzer und Baulöwen (der jetzt als Chairman amtet), oder die Familie Schroeder, Privat-Bankiers, die auf Islay ein anständiges Anwesen von einigen hundert Hektaren besitzen. 45 Anleger sind es, viele von der Insel - doch am 19. Dezember um 11.55 Uhr ist das Geld noch nicht auf dem Konto. Aber wie es immer ist in solchen Geschichten: Es ging doch noch alles gut.



So gut, dass Reynier Jim McEwan überzeugen kann, für ihn zu arbeiten. Jim ist «the one» im Whiskygeschäft, er hat 38 Jahre für Bowmore gearbeitet und gilt als wahrscheinlich bester Production Director in diesem Business. Dreimal war er «Distiller of the Year», hat auf der ganzen Welt Vorträge gehalten, wird von seinen Anhängern wie ein schottischer Kriegsheld verehrt. Ihn mit an Bord zu haben, das ist so etwas wie eine Erfolgsgarantie. Jim baut sich ein Haus gleich neben der Destillerie, und er holt die besten Leute, die er kennt, etwa Duncan McGillivray, für den keinerlei technische Probleme existieren. Ein Mann wie Duncan ist immens wichtig, denn Bruichladdich wurde 1881 gebaut und destillierte seinen Schnaps bis 1994 auf den gleichen, wunderschönen, aber halt alten Anlagen. Geld für neue Bottiche oder Brenngefässe gibt es keines, die alten Maschinen und Behälter werden von Duncan restauriert.

Am 29. Mai 2001, einem Sonntag, dringt morgens um 8.26 Uhr ein Jubelschrei durch die altehrwürdigen Hallen. Zum ersten Mal fliesst farbloser, knapp 80-prozentiger Alkohol aus den kupfernen «Pot-Stills». Bruichladdich ist wieder zum Leben erwacht - und damit ein Konzept, das in der traditionsreichen schottischen Whiskyindustrie seinesgleichen sucht. Zum Beispiel: Alle verwendeten Produkte sind schottisch. Hier kann sich Reynier wieder ereifern, stolpert charmant über seine eigenen Worte: «Wir verwenden ausschliesslich Wasser von der Insel. Und wir verwenden nur schottischen Weizen. Dies im Gegensatz zu unseren Konkurrenten, die das kaufen, was sie gerade kriegen können. Was am billigsten ist.»



Wenn Reynier von der Konkurrenz redet, dann stottert er heftig. All die Multis (Diageo, Pernod-Ricard) und Massenproduzenten (Glenfiddich, etc.) sind für ihn Verräter, Betrüger, Scharlatane. Die haben alle keine Ahnung, was sie machen, ehren die Traditionen nicht, produzieren lausige Qualität, sind nur am fetten Profit interessiert. Reynier: «Ja, wir sind das «enfant terrible» der Branche». Er, halb Engländer, halb Schotte, sagt tatsächlich in bester französischer Aussprache «enfant terrible». «Aber das macht uns Spass.»

Dass dieser Spass auch schmeckt, das lässt sich unterdessen beurteilen. Seit ein paar Jahren sind die ersten «neuen» Bruichladdich auf dem Markt - mindestens sieben Jahre Fass-Lagerung sind ein Muss für einen Single Malt. Und sie sind: Rein, ehrlich, ungefiltert, ohne Zusätze, kein Karamel, keine Chemie. Wie ein Whisky halt sein soll. Sein muss, ist sich die Bruichladdich-Crew einig. Doch «echte» Bruichladdich kann man schon seit 2001 trinken. In den 7 Mio. Pfund Kaufpreis war auch ein Lager von 1,4 Mio. Litern trinkreifem Whisky inbegriffen. Aus diesen Fässern hat Jim McEwan ein Produkteprogramm zusammengestellt, das Bruichladdich 2001 und 2003 in dieser eifersüchtigen, oft missgünstigen Branche den Titel «Distillery of the Year» eingebracht hat. Die Krönung war eine Abfüllung mit 40-jährigem Single Malt. Die Flasche kostet 1000 Pfund.



Das erste Tasting findet am Morgen um neun Uhr statt. Im Gegensatz zu einer Weindegustation wird beim Whisky nicht ausgespuckt, sondern geschluckt, damit sich auch der Abgang und der Alkoholgehalt beurteilen lässt. Jim geht von Fass zu Fass im «Warehouse Nr. 2», erzählt Geschichten von längst untergegangenen Destillerien und wie er vor 42 Jahren als 15-jähriger in der Mälzerei von Bowmore angefangen und als Lohn drei leere Flaschen pro Tag erhalten hatte, erklärt den Einfluss von amerikanischen Eichenfässern auf die Entwicklung des Whisky, füllt Gläser, giesst hier ein bisschen Wasser dazu, empfiehlt da, noch ein bisschen zu warten, damit sich das Bouquet besser entfalten kann. Je jünger der Whisky, desto mehr (schottisches) Quell-Wasser; einem alten Whisky muss man dagegen Zeit geben. Als Regel darf gelten, dass man für gut eingeschenktes Glas 40-jährigen Single Malt auch 40 Minuten brauchen soll, bis man ihn getrunken hat.

Im «Warehouse Nr. 2» lagert der persönliche Schatz des Jim McEwan, einige hundert Fässer Whisky, die er für insgesamt 1 Mio. Pfund von anderen Destillerien aufgekauft hat. Ein 24-jähriger Lagavulin, der in einem alten Portwein-Fass ruht, ein 18-jähriger Auchentosian, den er für einige Monate in einem Fass gelagert hat, in dem vorher Viognier-Weisswein ausgebaut worden ist. Es ist dies der zweite Geschäftszweig von Bruichladdich, das so genannte «Ace» (Advanced Cask Enhancement). Jim gibt den Whisky in Fässer, die vorher noch niemand für die Lagerung von Whisky verwendet hat, Fässer, in denen vorher Süsswein von Château d'Yquem reifen durfte. Oder Madeira. Das gibt den exklusiven Flaschenabfüllungen einen einzigartigen Geschmack. Und oft auch einige eigenartige Farbe, wie etwa einem 20-jährigen Bruichladdich, der sich in einem Madeira-Fass schwülstig rosarot verfärbte. Die Branche lachte Jim McEwan aus, als er «Flirtation» präsentierte - die Kunden kauften die Gestelle leer, «Flirtation» (Werbespruch: «When did you have last time a flirt with a 20-year old?») ist ein Bestseller geblieben.



Die Idee verfolgte Jim schon bei Bowmore, doch jetzt bei Bruichladdich hat er dank den Beziehungen des ehemaligen Weinhändlers Reynier ganz andere Möglichkeiten. Er kommt an Fässer, von denen er vorher nur träumte. Und er kommt auch an seine Grenzen: «Ich habe schon ganze Fässer mit ausgezeichneten Produkten zu lange in einem Madeira-Fass gelagert. Das schmeckte dann fürchterlich - und lässt sich nicht mehr korrigieren». Dann zieht er ein paar Schlucke von einem Fass ab, das ihm persönlich gehört: «Lochside, 1966». Dann sagt er nichts mehr. Muss er auch nicht. Es ist - der Himmel, wie Fruchtsaft, wie Honig, wie Ambrosia. Hier braucht es kein «enhancement» mehr. Jim und alle, welche die Ehre haben, sind in Gedanken versunken.

Mark Reynier gibt zu, dass er anfangs hinter seinem «business plan» zurück lag. Aber unterdessen verdient er gut Geld. Der Überschuss wird sofort wieder investiert, man hat begonnen, auf Islay eigenen Weizen anzubauen - eine Sorte, die im 8. Jahrhundert von den Wikingern auf die Insel gebracht worden war. Geringerer Ertrag, aber halt eben das Original. Als Nächstes folgte eine eigene Mälzerei. Damit ist Bruichladdich vollkommen autark; eine eigene Abfüllerei wurde gleich zu Beginn gebaut, um die Abhängigkeiten auf ein Minimum zu beschränken. Hier beschäftigt Bruichladdich fünf einheimische Behinderte, ein sozialer Akt, wie er auf Islay einmalig ist.



In seinem schrecklich eingerichteten Büro erzählt Reynier, auf einem geblümten Sofa sitzend, wie er die schottische Whisky-Industrie retten will: «Ich kann nicht zusehen, wie die Single Malt Whisky zu reinen Marketing-Produkten verkommen». Das neuste Projekt von Bruichladdich: Da wurde gerade die Destillerie von Port Charlotte wieder zum Leben erweckt. Port Charlotte war seit 1929 nicht mehr in Betrieb. Reynier gerät wieder ins Schwärmen - doch mittlerweile ist es 17 Uhr, Reynier schenkt sich und seinem Gast reichlich vom 40-jährigen Bruichladdich ein: «Enjoy it». Er wärmt das Glas mit der Hand, steckt seine Nase tief hinein, atmet den Duft ist, und schweigt dann verzückt. Es muss Liebe sein.

Kommentare:

  1. Netter Artikel, auch wenn sich der eine oder andere Fehler eingeschlichen hat. Es gibt zwar einen Port Charlotte Whisky, aber eine Port Charlotte Distillery gibt es noch lange nicht wieder. Das duerfte auch erst allerfruehestens 2012 was werden, eher spaeter. Eigene Maelzerei, hmmm, jein, das geschieht groesstenteils in der Naehe von Inverness. Netter Artikel, auch wenn sich der eine oder andere Fehler eingeschlichen hat. Es gibt zwar einen Port Charlotte Whisky, aber eine Port Charlotte Distillery gibt es noch lange nicht wieder. Das duerfte auch erst allerfruehestens 2012 was werden, eher spaeter. Eigene Maelzerei, hmmm, jein, das geschieht groesstenteils in der Naehe von Inverness. Netter Artikel, auch wenn sich der eine oder andere Fehler eingeschlichen hat. Es gibt zwar einen Port Charlotte Whisky, aber eine Port Charlotte Distillery gibt es noch lange nicht wieder. Das duerfte auch erst allerfruehestens 2012 was werden, eher spaeter. Eigene Maelzerei, hmmm, jein, das geschieht groesstenteils in der Naehe von Inverness.

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  2. Hmmmm. Weiss nicht was da passiert ist. Alles dreifach?

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  3. @armin: wohl zu viel geistige getraenke gehabt ;-) ich entschuldige mich fuer die fehler - und bitte um zusaetzliche aufklaerung. kann durchaus sein, dass ich nimmer so genau zugehoert habe, im weiteren verlauf des abends.

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  4. Also, mal sehen was ich machen kann:

    Port Charlotte distillery. Die Ueberreste haben sie vor ein paar Jahren gekauft und urspruenglich war der Plan dieses Jahr (2011) oder so mit der Produktion zu beginnen. Aus verschiedenen Gruenden (Baugenehmigungen, Budgets nicht verfuegbar durch Lagerhausneubau in Bruichladdich usw) ist das ganze Project jetzt erst einmal aufgeschoben, irgendwelche neuen Termine sind mir nicht bekannt. Aber wenn man bedenkt wie lange es dauert auf Islay etwas zu bauen (schon durch die Lage) duerfte das bestenfalls 2012 was werden, eher einiges spaeter.

    Es gibt aber einen Port Charlotte whisky, der wird von Bruichladdich gemacht und ist im Port Charlotte Stil gemacht, zumindest sagt das Jim McEwan. Das ist ein "peaty" Whisky und der wird meines Wissens in den alten noch existierenden Port Charlotte Lagerhaeusern gereift.

    Zu den Maltings, was sie auf Islay haben ist eine Art Trockenboden und Lagerhaus fuer den lokal auf Islay angebauten und geernteten Barley. Der wurde so vor 1-2 Jahren gebaut. Das Malting an sich findet meines Wissens irgendwo in der Naehe von Inverness statt. Es gibt zwar auch Maltings auf Islay (in Port Ellen), aber die gehoeren Diageo und beliefern hauptsaechlich Caol Ila und Lagavulin (gehoeren zu Diageo) und Ardbeg und teilweise Bowmore.

    Noch etwas zu den geschichtlichen Daten:

    Am 19/Dec/2000 fand die Uebernahme statt, das Geld traf in allerletzter Minute ein. Am 29/May/2001 war die offizielle Wiedereroeffnung waehrend des Islay Festival (Feis Ile), einschliesslich der ersten neuen Distillation am selben Morgen (wie oben erwaehnt).

    Ansonsten wie gesagt ein sehr schoener Artikel, interessant und mitreissend geschrieben.

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